The sound of colour

Stanzwerk art lounge, Bochum (Deutschland), 2005

Einführung zur Eröffnung

Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

nach vielen Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz, in Frankreich und den USA sind Werke von Lisa Lyskava nun in ihrer Wahlheimat Bochum zu sehen.

Ihr zweiter Wohnsitz ist New York.

Auch die abstrakte, gestisch-informelle Malerei der Künstlerin spricht eine universelle Sprache und ist mit internationalen Traditionen verbunden. So zum Beispiel mit dem Abstrakten Expressionismus und dem Action-Painting der New Yorker Schule, die ihre grundlegenden Impulse von Malern aus Lateinamerika erhielt, wie Torres-Garcia, Alfaro Siqueiros, Matta und Wilfredo Lam.
Aber die Malerei von Lisa Lyskava ist auch der europäischen Maltradition verbunden. In den 1950er Jahren nahm die künstlerische Strömung des Informell oder auch “un art autre” in Paris ihren Ausgang. Künstler wie Jean Fautier, Georges Mathieu und der deutsche Emigrant Wols traten an, um einen Neuanfang der Bildkunst nach dem Zweiten Weltkrieg zu formulieren. Sie wurden von dem Credo geleitet, dass nach den schrecklichen Verbrechen am Menschen während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges es nicht mehr möglich sei, figurativ zu malen und schon gar nicht den Menschen darzustellen. Das Stichwort hieß “Befreiung”. Befreiung von der Regel, vom Formalismus und der Last der Traditionen. Es war ein Bekenntnis zur lebendig fließenden Farbe, zur impulsiven Geste und Linie und zum rohen Material.
Diese Richtung in der Malerei, das Informell, hat auch im 21. Jahrhundert nicht an Aktualität und Kraft verloren.
Das Werk Lisa Lyskavas steht zwar in diesen Traditionen und auch ihre Werke sind durch große Experimentierfreudigkeit, Unmittelbarkeit, Spontaneität und Offenheit gekennzeichnet. Ebenso ist es eine Malerei aus der Farbe und dem Gestus. Mag auch die Tradition des Informell bewussten oder unbewussten Einfluss auf ihre künstlerische Arbeit gehabt haben, Lisa Lyskava ist es gelungen, künstlerische Eigenständigkeit zu entwickeln. Sie ist unabhängig.
Dabei hat sie drei Malweisen entwickelt, die – vereinfacht dargestellt – drei Werkgruppen kennzeichnen:
Zum einen schafft sie materialbetonte Farbreliefs, bei der Farbe zur Materie wird und starke haptische Qualitäten erzeugt. Ein Beispiel für diese Richtung in ihrer Kunst ist “Thinking of Odysseus”.
Zum anderen malt sie mit ausdrucksstarkem gestischen Schwung, ein wichtiges Beispiel hierfür ist “that’s it”. Bei Bildern dieser Art entstehen aus Farbflächen und -schwüngen markante Farbfiguren, und es erzeugt die freistehende Leinwand Spannung.
Die dritte Gruppe nehmen Farbfeldmalereien ein, in denen nuancierte Farbabstufungen mit vorsichtigen Erhebungen einen beruhigenden Bildcharakter im Gegensatz zu ihren dynamisch-gestischen Werken haben. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist “moments to treasure”.
Lisa Lyskava feiert die Farbe. Die meisten ihrer Arbeiten beeindrucken durch ungewöhnliche Farbfülle. Mit außergewöhnlichem Farbenmut hält sie die Spannung zwischen einem harmonischen Farbgefüge und massiven Brüchen desselben. Ihr Umgang mit der Farbe unterscheidet sie von der sonst eher üblichen farblichen Gedämpftheit in unserem Kulturkreis.
Die Farbe erhält bei ihr eine eigene plastische Präsenz: sie wird pastos, z.T. direkt aus der Tube aufgetragen, mit Schwämmen oder unmittelbar mit den Händen in die Leinwand eingearbeitet. Die Künstlerin vermischt Öl- und Acrylfarben sowie reine Pigmente mit anderen Materialien (z.B. mit dünnem Papier, Sand, recycelten Leinwandstücken aus anderen Bildern). Dabei verliert sie nie die Herrschaft über das von ihr freigesetzte Material. Bis zur endgültigen Form wird es von ihr bearbeitet und in Spannung zu den übrigen Elementen der Komposition gehalten. Dieser massive Malprozess artikuliert sich z.B. in der harten, schrundigen, zerklüfteten Oberfläche von “thinking of Odysseus”, ein Werk, bei der die einzelnen Elemente schließlich durch die freie, die Komposition bindende, leuchtend orange-gelbe Linie gehalten werden.
Ihren Arbeitsprozess beschreibt die Künstlerin selbst als Schaffensakt “mit leidenschaftlicher Geduld”. Farbfülle und Materialität der Bilder zeugen von langwierigen – zuweilen jahrelangen – und intensiven Malprozessen. Ihre Farbformen und -linien drehen und wenden sich in geschmeidigen Konfigurationen, die eine überbordende Energie ausstrahlen. Im Ateliertagebuch von Lisa Lyskava findet sich folgende Notiz: “die Farben zum Tanzen zu bringen auf der Leinwand, das Bild in den Rhythmus bringen.”
Es wird deutlich: Lisa Lyskavas Malerei ist eine eigenwillige Mischung aus absichtsvollen Überlegungen und einem hohen Grad an Improvisation.
So erscheint es nicht verwunderlich, dass die Künstlerin häufig beim Malen Jazzmusik hört – der musikalische Rhythmus unterstützt die spontanen und improvisierten Elemente in ihrer Kunst.
Es verwundert auch nicht, dass ein New Yorker Kunstkritiker bei einer Ausstellungsbesprechung ihrer Werke vor allem auf die Verbindung zum Jazz eingeht, J. Sanders Eaton: “Die Verbindung zwischen der abstrakten expressionistischen Malerei und dem Jazz erklärt sich von selbst: beide kommen zum großen Teil von der Improvisation her. Angefangen hat es in New York in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als es zu einem lebhaften Austausch kam zwischen den so genannten ‘Actionmalern’ und den Bebop-Musikern, obwohl in der Tendenz eher die Musik die Malerei beeinflusste als umgekehrt. Jazzmusiker improvisierten bereits seit Jahrzehnten: der spontane Ausdruck in der Malerei aber war vergleichsweise neu. Künstler wie Willem de Kooning und Franz Kline konnte man oft in Nachtclubs wie dem Five Spot und dem Village Gate finden – hier suchten sie Inspiration in der Musik von […]” Jazzmusikern.
Das musikalische Bindeglied zieht sich bis in die Gegenwart hinein und zeigt sich in den Malprozessen von Lisa Lyskava und im Sound ihrer Bilder.
Die Künstlerin wird häufig gefragt, aus welchen biografischen Stimmungen oder Erlebnissen heraus ihre Bilder entstanden seien. Eine Frage, die im übrigen an männliche Kollegen seltener gestellt wird. Lisa Lyskavas Bilder sind abstrakte Reflexionen visueller Wirklichkeit, keineswegs Zeugnis eines unmittelbaren persönlichen Erlebnisses oder Empfindens. So bleiben z.B. Eindrücke von Wolkenformationen, architektonische Strukturen oder Lichtreflexe auf Stahlträgern oder Ähnlichem in ihrem visuellen Gedächtnis haften. Später fließen die Reflexe und Impulse bewusst oder unbewusst in die bildnerische Gestaltung ein und werden Bestandteil einer ästhetischen Komposition. Lisa Lyskava erfindet im Malprozess nicht nur die Farbe immer wieder neu, sondern auch die unverwechselbare Gestalt ihrer Bilder, die zwischen dem Materiellen und ätherisch Immateriellen changieren und in eine magische Widersprüchlichkeit der Textur und ihrer Wirkung gelangen.
Die Bildtitel mit ihren poetischen Implikationen oder mit humorvollen Anspielungen auf die Kunstgeschichte, wie der Titel des Meisterwerks “c’est une pipe”, sind für sie ebenfalls Teil des Schaffensaktes. Sie sind eine Erweiterung der gedanklichen und sinnlichen Fokussierung während des Malprozesses und stiften die Betrachtenden zu Phantasien an.
Ihre in den Raum greifenden Arbeiten rufen bei uns den Wunsch hervor, durch Tasten und Berühren dem Weg der Farbe zu folgen. Die Offenheit ihrer Bilder ist von der Künstlerin gewollt und fordert von den Betrachtenden eine ebensolche Offenheit. Es sind vor allem die haptischen und visuellen Wirkungen des farbigen Materials, der Wechsel zwischen Farbfülle und Transparenz sowie der spontanen Gesten, die im Auge der Betrachtenden eine Fülle sinnlicher Botschaften auslösen.
Lisa Lyskavas Werke regen zu intensiver Wahrnehmung und zu Phantasiereisen an. Der Facettenreichtum der Bilder führt dabei zu sehr aktiven Sehprozessen. Die Werke verlangen von uns Zeit, Geduld, Konzentration und Lust am Schauen. Diese Ansprache des Einzelnen, ein charakteristisches Merkmal informeller Malerei, führt auch dazu, dass die Wahrnehmungen der Bilder Lisa Lyskavas häufig verknüpft werden mit biografischen und individuellen Erlebnissen der Betrachtenden selbst.
Und im Prozess des immer wieder Hinschauens und der Beobachtung offenbart sich schließlich das Geheimnis dieser Malerei; die Bilder von Lisa Lyskava geraten nicht in Gefahr, reine, oberflächliche Dekoration zu werden, denn sie verbrauchen sich nicht im Sehen.
Nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Schauen und möchte mit den Worten von Paul Cézannes schließen: “Für den Maler sind nur die Farben wahr. Ein Bild stellt nichts dar, soll zunächst nichts darstellen als Farben.”

Kirsten Xani, Kunsthistorikerin
Museum Kunst- und Kulturgeschichte,Dortmund (Deutschland)
Daros Foundation, Daros Collection, Zürich (Schweiz)