DER KLANG DER FARBE

Deutsche Telekom AG, Duisburg, August 2000 bis Januar 2001
Einführung zur Eröffnung

Auf einigen Bildern Lisa Lyskavas finden sich Reste verschiedenster Materialien. Solche von Pflanzen, mit denen sie Strukturen erzeugt, Lappen, die ihre Farbe aufsaugen, Buntpapier, das in neue Ebenen führt, Wellpappe, die Strukturen erzeugt, Seidenpapier, das darüber einen Hauch von Zartheit hinterlässt. Bilder werden zu neuen Bildern. Zusammen mit den vielen, manchmal zahllosen Farbschichten, die so eine Arbeit im Verlaufe ihrer Entstehung erfährt, ergeben sie eine schrundige, von Graten und Flächen gleichermaßen belebte, mit Pinselschwüngen beschriebene, aus Inseln pastoser Farbmassen und Wolken durchsichtiger zerstobener Pigmente bestehende Oberfläche. Dramatisch, ja zuweilen hektisch kann sie sein. Mitunter aber auch sehr zurückhaltend. Sie kann sich verschlossen oder als durchlässige Haut zeigen. Auf Licht reagiert sie in jedem Fall, reflektiert, bricht oder absorbiert es. Leuchtet grell, strahlt selbst oder aber verschluckt jede Helligkeit und führt es nach innen, um es dort, gefangen, verglühen zu lassen.

Aus vielen Arbeiten strahlt dem Betrachter eine andere als unsere, eine mediterrane Welt entgegen. Wo auch das Licht ein anderes ist, viel weißer und die Farben klarer dadurch. Viele Arbeiten tragen zudem lyrische Titel wie z. B. “Milch der Frühe” überfluten den Ort, an dem sie präsentiert werden, mit Fantasien von wogenden Feldern, endlosen Meeren und sanften Hügeln.

Unseren tradierten, fast möchte man sagen: in der Dunkelheit geschulten Sehgewohnheiten, mag es widerstreben, dass die Farbigkeit in den Bildern von Lisa Lyskava nicht an sich hält und etwa verhalten daherkommt. Die intensive Leuchtkraft mancher Arbeiten kann irritieren: Solch Licht sah man lange nicht in einem Bild von hier! Lag doch zeitweise der größte Gegensatz in Bildern im Sein von Weiß und Schwarz. Doch warum dem Klischee deutscher Kunst eins draufsetzen? “Wir, die wir mit Augen begabt sind”, schrieb einst Kokoschka einem seiner Schüler ins Stammbuch. Und meinte, das Empfundene auch sehen zu können, mit dem geistigen Auge.

Es dauert eine Zeit, bis das man diesem ersten überwältigenden Eindruck der Farbigkeit einen zweiten folgen lassen kann. Dann jedoch werden Strukturen deutlich, die sich zumeist aus der Handhabung des Materials, natürlich aus der Farbe, und den Bildelementen, den Formen und den motivischen Situationen erklären.

So führt etwa das fortwährende Auf- und teilweise auch wieder Abtragen von Farbe zu kleinen, anfangs unmerklichen Verwerfungen, die mit der Bildentstehung immer deutlicher werden. Wie ein Gitterwerk aus fein gesponnenen Farblinien legen sie sich über die Arbeit, lichte Täler, verdichtete Tiefen. Andere Bilder wieder wirken noch grober. Der Pinselduktus dominiert, er hinterlässt deutlich seine Spuren. Hier werden auch die Bewegungen nachvollziehbar, die die Farbe beschreibt. In breiten, vielfach gebrochenen Bahnen zieht sie durchs Geviert. Mal ansatzlos, mal mit Ankündigung von Anfang und Ende ihrer Reise.

Doch nur wenige Bilder von Lisa Lyskava haben tatsächlich gegenständliche Formulierungen, werden gestalterisch an vegetabile, architektonische oder figurative Vor-Bilder angelehnt. Die schon erwähnte Arbeit “Morgenstunde” gehört hierzu. Und natürlich das grandiose “on some horizon”, das trotz seiner Auflösung und schier prismenhaften Zersplitterung auch an das kubistische “Selbstbildnis als Mars” von Dix erinnern mag. Als hielte es den Zeitpunkt fest, an dem das Haupt wie ein Kristall in unzählige Teilchen zersplitterte, so zerspringen die festen Formen förmlich vor unseren Augen.

Auch die kleine ovale Arbeit “Geheimnis” korrespondiert mit unserem Bildgedächtnis; ist nicht nur reine Farbempfindung. Sie erzeugt mit ihrer fast mystischen Dichte geradezu einen Sog, der den Betrachter zuerst festhält und dann ins Bild hineinzieht, ganz tief. Wie es ein weit entferntes Licht vermag, das uns neugierig macht und magisch anzieht; dem wir folgen, trotz aller Angst.

Auf den meisten Arbeiten jedoch zeigt die Künstlerin, von welcher Qualität ihr Farbgefühl ist. Veränderungen, Nuancen, sind tatsächlich kaum seh- jedoch immer noch spürbar. Unmerklich fließen gleißende Flächen zu Farbkörpern zusammen, gewinnen an Masse, ohne Form zu werden. Aus solchen Flächen, die in sich changieren, ja, beweglich scheinen, werden Räume entworfen. Das heißt, man bekommt ein Gefühl für den Raum im Bild, der vor einem eröffnet wird nur mit einer einzigen Geste. Allein, er wird für uns nicht zugänglich. Wir bleiben draußen, Betrachter. Ein Umstand, der so manche Arbeit von Lisa Lyskava in die Tradition der frühen französischen Impressionisten stellt. Das Erleben weicht dem Empfinden.

“Der Klang der Farbe”, so ist diese Ausstellung überschrieben. Und wirklich meint man ein Raunen und Tuscheln, Zwitschern und Jubilieren wahrzunehmen. Mag sein, so mancher Ton stößt uns wie eine kräftige Fanfare vor den Kopf. Wenn sich zu Rot viel Weiß und Blau gesellt hat. Wenn Grün ganz nah an Gelb steht. Indes, störend wirken diese Töne nicht.

Lediglich eine Serie von großformatigen Bildern durchbricht die hier beschriebene Formalie: die der Deutschlandbilder. Darauf halten kräftige schwarze Gerüste die wütenden Bewegungen leidlich im Zaum. In kleineren Arbeiten sind solcherart Zeichnungen farbig und verlieren dadurch viel von ihrer Wucht und, ja, Gewalt. Hier aber sprechen die schwarzen Schwünge eine deutliche Sprache. Wie mit einem hämmernden Stakkato scheinen sie aufs Geviert geworfen, nahezu rücksichtslos gegen jede Form, jede Freiheit, jede Fläche. Weit mehr als alle anderen sind dies Ausdrucksbilder. Voller Narben, Tätern und Opfern gleichermaßen eigen.

Doch “Der Klang der Bilder” verhallt nicht. Lisa Lyskavas Bilder sind wie Musik, ganz verschiedene Musiken, mal voll weicher Harmonie, mal Crescendo, pulsierend wie der Schlag der Herzen derer, die sich auf diese Bilder einzulassen wagen.

Stefan Skowron, Kunsthistoriker