BILDER ZWISCHEN TIEFE UND KLANG

Zur Malerei Lisa Lyskavas

Es ist unmöglich, über die Bilder Lisa Lyskavas zu schreiben, ohne sich auch zur Person der Künstlerin zu äußern, und eben hier bedarf es der Selbstdisziplin, will man sich nicht in Ausführlichkeiten verlieren. Lisa Lyskava steckt voller Ideen und voller Tatendrang. Der Blick auf ihre Vita lässt erahnen, welche Faszination das Phänomen des Neuen für sie hat, das es zu entdecken gilt. Da sind das geschriebene Wort und die Musik, das Theater und das bewegte Bild des Films, und da ist schließlich die Malerei.

Getrieben von dem Drang auszuloten, zu probieren und Erfahrungshorizonte auszudehnen, stürzt sie sich mit jedem einzelnen ihrer Bilder in das Abenteuer einer neuen Erfahrung. Ein unruhiger Geist wie der Lisa Lyskavas kann sich nicht damit zufrieden geben, den Pfaden zu folgen, die sie selbst bereits ausgetreten hat. Es verbietet sich, sie in eine der gängigen Kategorien der Kunst einzuordnen.
Sicher ist ihr die Realität auch Inspiration, abgebildet wird sie jedoch nie. Erst im Dialog mit Malgrund und Farbe entwickelt sich die Idee zum Bild. Mehrschichtige Farbaufträge, Linien und Formen, die einander überlagern, oder collagierte und gelegentlich erneut übermalte Elemente aus Pappe, Papier oder Stoff sind Zeugnisse der einzelnen Entwicklungsschritte oder treffender gesagt: Reifestadien auf dem Weg zur Vollendung.

Mit den Vorgaben der Leinwand gibt sie sich nicht zufrieden. Der Fläche fügt sie die Dimension der Tiefe, der des Sehens das Hören hinzu. Mal mit feinem Pinselstrich, mal mit kräftigem Farbauftrag setzt sie Akzente und gibt Impulse, die zueinander in Beziehungen treten und sich zu einem rhythmisch pulsierenden Ganzen verdichten. Zwischen den Linien öffnen sich bewegte, vibrierende Räume aus Farbe und Licht. Der Betrachter begibt sich in den Grenzbereich seiner Wahrnehmung. Den “rhythm paintings” eines Marc Tobey nicht unähnlich, scheint alles in Bewegung und voller Klang.

Bei aller Explosion der Farben, bei allem Spiel mit Formen, Linien und Flächen, die Arbeiten von Lisa Lyskava sind weder Willkür, noch bildgewordener Zufall. Das Zusammenspiel von Licht und Schatten, von Temperament und Zurückhaltung, von Oberfläche und Tiefe, ist gewolltes Resultat einer durchdachten Inszenierung. Sie malt, weil ihr das Bild zu einer weiteren Form des Ausdrucks geworden ist. …Farben, die Sinnesfreude zeigen, der Pinselstrich, der Temperament und Kraft verrät, Komposition, die die Liebe zur Musik beweisen…

Es wäre eine verkürzte Betrachtung ihres Werkes, würde man nicht auch die Bilder in den Blick nehmen, die die nachdenkliche, die zeitkritische Künstlerin zeigen. Es bleibt die Dominanz von Farbe und das Wechselspiel von Linie und Raum. Anders jedoch als dort, wo die unbekümmerte Farbigkeit das Bild bestimmt, entsteht hier eine Atmosphäre von in sich gekehrter Ruhe und meditativer Stille. …….

Für die Künstlerin ist jedes ihrer Werke wie ein lebendes Wesen. Es hat eine Seele, und es muss, wie sie selbst sagt, atmen. Fehlt ihm die Atemluft, so kann es vorkommen, dass sie dem schon bearbeiteten Malgrund Teile entnimmt, die sie aufhebt, um sie Jahre später in andere Bilder einzuarbeiten. Auf diese Weise entstehen materialbildartige Collagen, an denen besonders deutlich wird, dass Lisa Lyskavas Bilder nicht Übersetzung vorhandener, sondern Erschaffung vorher ausdrücklich nicht vorhandener Erfahrungen sind.

Anders als die sinfonischen Kompositionen aus Farbe und Pinselstrich wirken die in jüngerer Zeit entstandenen, fast monochromen Bilder ruhig und meditativ. Und dennoch, je intensiver man schaut, desto mehr beginnen auch diese Leinwände zu leben. Die sensible Farbigkeit der Oberfläche verbirgt Geheimnisse. Auf tiefergelegenen Ebenen des Farbauftrages geschieht etwas, was wir weder definieren, noch lokalisieren können, von dem wir aber dennoch fühlen, dass es existiert.

Mag der Bogen zwischen bildgewordenem Temperamentsausbruch und dem Ausdruck zeitkritischer Auseinandersetzung auch weit sein, das Werk der Lisa Lyskava stellt sich als ein homogenes Ganzes dar. Lisa Lyskava ist mit sich selbst und ihrer Kunst im Reinen, und eben dies verleiht ihr Glaubwürdigkeit.

Thomas Hengstenberg, Unna, 17. 03. 1996