SCHÖNER SONNTAG

Ausstellung im Schloss Opherdicke,Unna, Juni bis August 1992

WDR Radio Dortmund, 12.6.1992

… Wenn Farben Feste feiern können, hier tun sie es in den Bildern von Lisa Lyskava. In den weiten, hellen Räumen im ersten Stock des Museums ist zur Zeit der Teufel los:
Platsch – da hat sich doch ein ausgelassenes Violett auf der großen Leinwand breit gemacht und schießt nun von unten geradewegs in Richtung Bildmitte. Ihre Farbrivalen Orange und Gelb kommen da kaum mit – ärgern sich erst grün, dann blau und lümmeln sich schließlich versprenkelt in der Umgebung herum. Aber – huch – wer ist denn das – ein tiefes, dick aufgetragenes Dunkelblau hat sich da von rechts an das aufstrebende Violett herangemacht – und, kaum haben sich die zwei berührt, sind sie auch schon feuerrot füreinander entbrannt. Wer hätte das gedacht, ganz entgegen der Farbenlehre. Und – ehe sie sich versehen – schleift sie das liebe Rot auch schon schlierig hinter sich her bis zur Mitte. Dort schließlich ist das blau-violette Pärchen romantisch im tiefen Rot versunken. Aber schon geht es weiter über holpriges Farbgebirge, aber hier – das muss Rot jetzt blass gestehen – ist Ende: Rissig und zerklüftet verebbt es in den bläulichen Schluchten .
Aber da donnert von oben schon wieder Rot heran, kriegt sportlich die Kurve vor dem Gebirge und taucht mit blauer Schleifspur nach links unter eine gelbe Decke ab, die sich träge herumräkelt.
Faserig lugt Rot noch hier und da hervor – verliert dann aber ganz die Orientierung. Es zieht weite Kreise wie seine Farbgenossen und mischt sich unters bunte Volk.

Ein Erlebnis für die Augen. “Solo” heißt das Bild, in dem eine ganze Farbpalette in wüsten Vermischungen an die Leinwand gewirbelt ist. Nicht nur das Solo der breiten Hauptlinie ist sehenswert, die mit etwas Abstand aussieht wie ein tanzender Mensch – auch die unzähligen Farbverläufe und Brechungen sind es. Ständig scheint das Bild zwischen knallbuntem Chaos und spannender Farbdynamik zu balancieren.
Kein Exemplar der 74 ausgestellten Arbeiten erscheint dabei willkürlich: Hier hat niemand seinen Farbkasten mal eben so ausgekippt und in den Mixer gehalten. Lisa Lyskava geht mit ihren Bildern um wie eine Regisseurin mit ihren Akteuren: Sie weiß um die individuellen Qualitäten, lockt sie heraus und inszeniert ein Zusammenspiel, das dem Stück und dessen Thema in erster Linie zu Gute kommt. Kein Spiel um des Spielens Willen …
Die Autodidaktin Lyskava malt Stimmungen, vor allem extreme emotionale Erlebnisse, Situationen, Träume. Dabei reduziert sie die Umwelt auf Farbereignisse, Formenspiele und Strukturen, die diese Stimmungen transportieren:
Im Bild “Achterbahn” tummeln sich auf gelblich – rosa Leinwand versprengte Farben. Ein breit und unruhig gepinseltes Violett scheint genauso zu vibrieren wie der fahrbare Untersatz auf den Schienen, Knallgelb und Feuerrot jagen ineinander, um wie Funken einer rasanten Kurvenfahrt zu sprühen und ein helles Rot schwebt in bizarren Formen auf der Leinwand, so leicht wie eine Feder.
Neben Leinwänden verwendet die Malerin auch hauchdünnes Papier, Stoff und gewellte Pappe – knautscht, knuddelt und verklebt die Materialien. Im Bild “Bangen und Hoffen” klebt sie eine Gestalt, die wie das zusammengekniffene Papier in sich verhaftet, verklemmt zu sein scheint. Eine Gestalt, die ihre Facetten nicht zeigen kann, nur kränklich orange verbleicht.

Der Mensch und seine Stimmungen – Höhen und Tiefen stehen immer wieder im Mittelpunkt.
Die Malerin braucht keine bekannten Akteure.
Ihre eigenen, die Farben, sind so interessant, dass sie auch nach längerem Hinsehen noch für künstlerische Überraschungen gut sind.

Ralph Erdenberger, Köln