IMAGO

Galerie Im Leuehof, Schneisingen, Schweiz, November 1991
Einführung zur Eröffnung

Gefährliche Bilder
Farben, schmerzhaft zusammengefügt, beunruhigend die Empfindung – ja, betörend, aber kann man (frau) das so machen …
Figuren fesseln den Blick, geben Ihr Geheimnis nicht preis, die Umgebung, das Umfeld der Farben lässt sie ihren Charakter uns anverwandeln – ein bisschen grotesk, sehr sinnlich, niemandem ähnlich, und doch – da keimt Erinnerung auf, da wird etwas typisch, ohne dass sich da eine “Schule” ausmachen ließe.
Doch, das ist vertrackt. Diese Bilder zwingen dazu, sich auf sich selbst einzulassen.
Das Abenteuer, solche Bilder zu malen, setzt sich fort, wenn der Betrachter bereit ist hinzuschauen, Entdeckungen zu machen, seine Augen wandern in die Tiefe, in die Flächen, in die Räume. Die Farben geben ihm Halt und den Rausch dazu.
Die Betrachtung – kühl – konstatiert: winzigste Farbsegmente, Stofffetzen, Materialbeschaffenheit von Papier, ein Hauch von Glühen über stark kontrastierten Farbflächen – da ist nichts zufällig, da atmen Formen, jede Farbe gibt Vitalität und gewinnt Eigenheit durch die jeweils ihr zugesellte.Gebannt ein Moment – hier wird nicht erzählt – festgestellt, aber viel ging dem voraus, so zu benennen, was Lust, Tiefe, Räume, das Weite – Wege – Gehen ausmacht.

Die Themen?
Das wirkliche Leben und – ja, auch das, was wirklich in uns ist.
Titel stiften Gedanken an, und aber – auch – Verwirrung – ich vermute, das ist kein Zufall.

Gerade diese Verweigerung, ein Programm zu geben, fordert den Betrachter heraus, sich den Schlüssel zu diesen Bildern zu erfinden, diese Bilder laden ihn ein zu einem “Seh-Abenteuer”.
Leicht geben sich diese Bilder nicht hin. Wenn aber erst der Betrachter sich hineinwagt, sich der Wirkung dieser Farben, dieser Spannung in den Bildräumen aufschließt, ist er verloren. Spürbar entsteht ein Sog, sich in die Wirklichkeit des Bildes aufzumachen, dem Weg der Farben zu folgen. Stark und leicht, glänzend und matt oszillieren sie in vielfacher Qualität, erschaffen Räume, Flächen, manchmal findet sich eine Insel für das Auge des Betrachters, dann aber auch ballt sich ein Kontrast, spitzt sich ein eigenartiger Sinnenkitzel zu, stoßen die Augen auf eine Gesellschaft von Farben, die irritiert. Durch die Integration in das Bildganze aber, wie einzelne Farb/Schatten/-Tupfer hier und da aufschimmern, wenig gebrochen oder auftrumpfend klar, entsteht die Wahrnehmung von Kalkül, sehr genau durchdachter Komposition.
Vielleicht liegt da der Grund, dass dieses “Seh-Abenteuer” nicht erschöpft. Unvermutet verströmt sich Ruhe, atmet das Bild die Vielgestaltigkeit einer Landschaft, die uns immer wieder neue Ausblicke schenkt. Der Betrachter erschafft sich den durch die Farben sich strukturierenden Raum der Ebene, der sanften Höhen, der scharfen Grate am Horizont, schmutzig glühende Wolken über hohen Schornsteinen, Menschen und Tiergestalten scheinen seinen Weg zu kreuzen, er gerät an Stellen, wo der Malgrund aufgerissen, offensichtlich auch manches Mal Fetzen und Löcher dem Bildganzen entrissen wurden.
Da kann der Betrachter Luft holen.

Mario Deckers, Kunsthistoriker