ALLES FLIESST

Ausstellung Stadtwerke Witten, Juni bis August 2001
Einführung zur Eröffnung

Vor den Bildern Lisa Lyskavas. Gingen wir nur davon aus, was wir sehen, müssten
wir von ungeheuren Stürmen sprechen, die über die Leinwände toben; müssten von
Wolkentürmen aus Rot und Blau sprechen, und von riesigen grünen und violetten Feldern; sprächen wir über sanfte Hügel und messerscharfe Felsgrate und von goldenen Palästen und Sonnentempeln, in denen wir träumend müßiggängerisch lustwandelten; wir sähen uns von gleißendem Licht und tiefster Dunkelheit umgeben, und uns würden Bilder und Erlebnisse in Erinnerung kommen, die wir vergessen glaubten, und wir würden – vielleicht – in unsere Kindheit zurück versetzt, unser Gedächtnis spielte uns manchen Streich, ein dèja – vu folgte dem anderen, und wir würden in unendlichen Wogen, gleichsam wie Gischt und Wasser, in einem Meer von Farbe untergehen. – Der vielfache Konjunktiv beweist es: Es wäre möglich!

Zuerst fällt die besonders deutliche Stofflichkeit der Farbe auf, ja , ihre fast schon körperliche Präsenz. In den Werken von Lisa Lyskava ist die Farbe tatsächlich Materie, erscheint sie nicht bloß als geformte Lasur, als seelenloser Überzug, sondern ist tatsächlich selbstständiger Gegenstand. Ein Bild von ihr mag gemalt sein, erarbeitet, doch die Leinwand wirkt nicht be-malt. Vielmehr glaubt man, vor kräftigen, farbigen Massen zu stehen, vor semidurchsichtigen Farbbahnen, die miteinander verwoben wurden und erst im Miteinander dieses Bild ergaben, das, einem offenen Fenster gleich, die Sicht und den Weg in einen anderen Raum, eine andere Freiheit, eine andere Zeit erlaubt. Insofern gelten mir persönlich Lisa Lyskavas Bilder nicht als Abbilder von etwas, sie benennen nichts Konkretes …
… Gerüche und Klänge, Töne und Bild-Erinnerungen, Philosophien und Gedichtzeilen, Rätsel und Wahrheiten, Musik und Stille.

In der Tat empfängt den Betrachter einen Symphonie, ein ganzer Teppich von Klängen und Rhythmen, Harmonien und Dissonanzen. An der Oberfläche einzelner Bilder zeigen sich stakkatohafte Wiederholungen, Ablagerungen des Windes und der Meere nicht unähnlich, vom ewig anlandenen Wassern angeschwemmte Partikel. Hier sind es Pigmente und Materialien, sind es hauchdünne Lagen Seidenpapier, sind es Sand oder Pflanzenreste. Ihre Bilder gewinnen dadurch etwas Unruhiges, Harsches, Ungestümes. (Mussorgskij hätte seine helle Freude, glaub ich.) An der Oberfläche brechen sich die Linien und Bewegungen der Farbmassen. Das Aufgestaute stürzt zu Boden, um sich einen Grat weiter erneut zu erheben, wie Phönix, um abzubrechen und wieder hinab zu sinken. Der Eindruck des Auf und Ab lässt den individuellen Rhythmus deutlich werden, unter dem eine Arbeit liegt, von dem sie durchzogen wird. Es gibt Bilder, die sind schnell, die saugen geradezu in sich auf. Andere fließen langsam, fast seicht dahin. Manche blenden und andere absorbieren alles Licht.

Es stimmt, Musik ist für Lisa Lyskava ein wichtiges Mittel, ist ihr ein Anhalt (kein Anlass). Jazz liegt ihr. Unwillkürlich – denn sie malt doch nicht nach Musik, sie malt bei Musik, – unwillkürlich entwickeln sich Korrespondenzen zwischen dem Gehörten und dem, was auf der Leinwand entsteht. Dabei ist der Rhythmus nicht nur an der Oberfläche präsent. Auch dem Malprozess selbst unterliegt ein rhythmischer Vorgang, indem wiederholt Farbschichten auf und teilweise abgetragen werden, wobei stets nur ein Hauch von Farbe auf dem Bildgrund verbleibt. Diese langwierige “Behandlung” eines Bildes hinterlässt im Wortsinne Spuren, da heraus formen sich die großartigsten Kompositionen, durchzogen von den verschiedensten Pigmentbahnen, hinterlegt von Licht. Wie bei einem Kanon treten gleiche Töne und Klänge immer wieder auf, jagen sich förmlich durch den Bildkörper hindurch, aus der Tiefe des imaginären, vorgestellten Raumes bis an die zuerst sichtbare Oberfläche und scheinbar darüber hinaus bis zu uns, die wir in reichlichem Abstand vor diesen Bildern stehen und staunend all dieses sehen und erleben.

Bilder von Lisa Lyskava sind wie Musikstücke, oder besser: sie sind wie Konzerte. Ihnen ist die ganze
Bandbreite von Empfindungen und Gefühlen eigen, die wir zu kennen glauben. Dabei ließe sich die absolute Freiheit ihrer Komposition, das unangepasste, lauthalse, freudig-grelle, farbige Äußere, die fehlende Konstruktion, mithin die Abstraktion ihrer Bilder der bevorzugten Musik zuschanzen. Doch täte man ihren Arbeiten damit unrecht – William Turner hatte keine Chance, Jazz zu hören. Er hatte nur die Natur und eine, sagen wir, andere Art von Musik. Die Freiheit der Klänge (musikalisch gesehen) war ihm nicht vergönnt. Dennoch begeistern uns seine emphatischen Seebilder, erschlagen sie uns schier mit ihrer drohenden, unheilen Gewalt. Dennoch glauben wir, eine wild gewordene Klarinette zu hören, warnend, oder den hämmernden Anschlag auf einem Klavier. Er sah. Er sah die glühenden Wolkentürme bei herannahendem Sturm, sah die gleißende Gischt und Wasser, das kochte, sah den Wind, den quer liegenden Regen, er sah die Elemente.
Auch auf Lisa Lyskavas Bildern zeigen sich die Elemente, doch weitaus ursprünglicher vielleicht. Und was uns ähnlich erscheint und uns zu Erinnerungen bringt, das sind nicht die Klarheit der Formen oder gar deren Gegenständlichkeit. Was uns erinnert, uns an Landschaftliches denken lässt oder an ein Seestück, an Architekturen und Städte, das ist das Vermögen der Malerin, den Elementen Gestalt zu verleihen …Entscheidend ist, was man sieht. Manche ihrer Bilder lassen alles offen. Andere zitieren sich und ihre Art selbst, indem Elemente anderer Arbeiten wie Versatzstücke verarbeitet werden, aufgenommen in die Kompositionen des neuen Stückes. Das Collagieren, ich möchte es im Sinne ihrer Bilder das “Wiederholen” nennen, gehört neben dem Auf- und Abtragen zu den wichtigsten Arbeitsvorgängen bei Lisa Lyskava. Denn damit erzeugt sie eine bildimmanente Spannung. Alter und Zustand der verwandten Elemente spielen hierbei eine interessante Rolle.

Sie verleihen dem neuen Bild Erfahrung und etwas vom Charakter des vorherigen. Sie geben ihm ein weiteres Motiv, sie sind wie eine neue Idee innerhalb eines Gedankens, eine andere Sichtweise. Bilder sind im Wesentlichen ja eigentlich homogene Entwürfe oder zumindest Konzepte, sie funktionieren geschlossen. Wo dies nicht der Fall ist, erfährt der Betrachter einen spürbaren Widerwillen. Lisa Lyskava verstärkt durch die Collage-Elemente diesen inneren Zusammenhalt ihrer Arbeiten …

Stefan Skowron, Kunsthistoriker